Printjournalismus in Polen
Printjournalismus in Polen
Zwanzig Jahr nach dem Ende der Alleinherrschaft der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei hat das Pressewesen in Polen eine Vielfalt entwickelt, die sich von der in den meisten westeuropäischen Ländern kaum unterscheidet. Der Systemwechsel hin zur demokratischen Republik Polen im Dezember 1988, in dessen Folge die Marktwirtschaft eingeführt wurde, hat die Grundlage für diese heutige Vielfalt geschaffen. Dennoch gibt es einige Besonderheiten in der Berichterstattung und den rechtlichen Rahmenbedingungen.
Presserecht und Medienkontrolle
Obwohl sie faktisch bereits seit dem Ende des Kommunismus bestand, wurde die Pressefreiheit erst 1997 in die polnische Verfassung aufgenommen. Anders als die Mediengesetze für Rundfunk und Fernsehen datiert das polnische Pressegesetz noch aus dem Jahr 1984 und wurde seit dem Fall des Eisernen Vorhangs lediglich mehrfach ergänzt. Es fordert unter anderem auch die Einberufung eines Presserats, der jedoch aufgrund der unklaren Formulierungen bezüglich seiner Zusammensetzung und Kompetenzen faktisch keine Bedeutung hat. Eine national anerkannte freiwillige Selbstkontrolle, die etwa mit dem Deutschen Presserat vergleichbar wäre, hat sich in Polen noch nicht etabliert, nicht zuletzt aufgrund der oft mangelnden Konsensfähigkeit der Medienmacher untereinander. Im Jahr 1995 haben die wichtigsten Journalisten- und Medienverbände Polens einen Ethikkodex verabschiedet, der die Prinzipien der Wahrheit, Objektivität, Ehrlichkeit, Toleranz und Verantwortung beinhaltet sowie das Prinzip der Trennung von Information und Kommentar. Insbesondere die Einhaltung des letzten Grundsatzes ist nicht immer gewährleistet, wie im folgenden deutlich wird.
Positionierung polnischer Printprodukte
Zwei Besonderheiten prägen die polnische Presselandschaft, die sich unmittelbar auf die redaktionelle Arbeit auswirken. Zum einen ist dies die zunehmende Boulevardisierung des Pressemarktes, zu der die deutschen Medienkonzerne einen wesentlichen Beitrag geleistet haben. Spätestens seit dem Markteintritt von Fakt im Jahr 2003 mussten viele Tageszeitungen Marktanteile an die Boulevard-Titel abtreten, die zusammen mit wöchentlichen und vierzehntätigen Periodika der Regenbogenpresse derzeit für die Verlage wirtschaftlich am meisten Erfolg zu bringen scheinen. Vertreter von Formaten aus dem Qualitätsjournalismus beklagen als Folge dieser Fokussierung auf wirtschaftlichen Erfolg eine weitgehende Herabsetzung des Anspruchs an journalistische Arbeit und einen Verfall der ethischen Standards. Objektiv betrachtet führte diese Entwicklung letztlich jedoch zu einem pluralistischen Pressemarkt in Polen, dessen Vielfalt mit dem vieler anderer europäischer Länder vergleichbar ist.
Ein zweites, in dieser Ausprägung in Deutschland unbekanntes Phänomen ist die eindeutige politische Positionierung vieler Printmedien in Polen. Die Presselandschaft spiegelt hier die polnische Gesellschaft wider, die eine relativ kleine politische Mitte, dafür aber starke konservative und linksliberale Flügel besitzt. Tageszeitungen und Wochenzeitschriften – und somit auch polnische Journalisten – sind oftmals aktiv in den politischen Diskurs eingebunden und versuchen nicht, ihre politischen Sympathien zu verbergen. Vielmehr findet der Leser die politischen Ansichten der Redaktion deutlich formuliert in der Berichterstattung wieder. Dieses Zugehörigkeitsgefühl zu einem politisch Lager findet sich in Qualitätszeitungen und der Boulevardpresse gleichermaßen. Nicht selten kommt es bei kontroversen Themen zum offenen Schlagabtausch zwischen zwei Qualitätszeitungen: der linkliberalen Gazeta Wyborcza und der Tageszeitung Rzeczpospolita.
Um ihre Positionen deutlich zu machen, wählen Zeitungen und Zeitschriften mitunter drastische Mittel der Zuspitzung. So sorgte die – pikanterweise zu Springer gehörende – Wochenzeitschrift Wprost in der Vergangenheit mehrfach mit ihren Fotomontagen auf dem Titelblatt für Aufsehen, etwa im Jahr 2007, als sie Bundeskanzlerin Merkel als nährende Stiefmutter Europas zeigte, an deren Brüste sich die Kaczynski-Brüder laben. Das mitunter klare Bekenntnis zu politischen Positionen lässt eine deutliche Trennung zwischen Information und Kommentierung nicht immer zu und macht die entsprechenden Medien angreifbarer für eine direkte politische Einflussnahme.
Zusammenfassung
Die heutige Presselandschaft in Polen ist pluralistisch mit vielfältigen Angeboten für jeden Geschmack. Eine wesentliche Eigenschaft des Printjournalismus in Polen ist die hohe Aggressivität, mit der Themen bearbeitet werden. Ob und in welcher Form sich für die teils stark ideologisch geprägten polnischen Printmedien in naher Zukunft eine allgemein akzeptierte Kontrollinstanz etabliert, sei es auf Basis einer freiwilligen Selbstkontrolle oder eingebunden in ein derzeit in der Diskussion stehendes novelliertes Pressegesetz, bleibt abzuwarten.
Andreas Breyer
Quellen:
Denkler, T. (2007): „Grundsätzlich aggressiver“, Interview mit SZ-Polen-Korrespondent Thomas Urban vom 26.06.2007, www.sueddeutsche.de, Zugriff am 16.06.2009.
Möller, J. (2009): Die Presselandschaft in Polen. Strukturelle Rahmenbedingungen und zentrale Konfliktlinien, in: Polen-Analysen, Nr. 50, 21.04.09.
Robertson, T. (2007): Poland Press, Media, TV, Radio, Newspapers, http://www.pressreference.com/No-Sa/Poland.html, Zugriff am 17.08.2009.
Andreas Breyer – niemiecki dziennikarz. Brał udział w podróży dziennikarskiej organizowanej przez Fundację Współpracy – Polsko – Niemieckiej. Ma na swoim koncie liczne publikacje.

